Der Aufbau des Wing Chun Systems

Der Wing Chun Aufbau in unsere Schule orientiert sich im Wesentlichen am Aufbau nach Großmeister Yip Man, wird aber teilweise durch Formen und Techniken aus dem Lee Shing Wing Chun ergänzt. Guolo Wing Chun wird bei uns an unsere fortgeschrittenen SchülerInnen separat unterrichtet.

Der Aufbau des Wing Chun Systems ist beeindruckend logisch strukturiert. Gerade deswegen läuft man leicht Gefahr, zu früh zu glauben, diese Kampfkunst zu verstehen und zu durchschauen. Es wird gerne übersehen, dass bei aller Logik Wing Chun unglaublich vielschichtig ist und vieles auf den ersten Blick nicht das ist, was es zu sein scheint bzw. die Bedeutung einer bestimmen Übung oft erst sehr viel später erkannt wird. Der traditionelle Aufbau einer chinesischen Kampfkunst ist gänzlich anders als wir Europäer es erwarten würden. Wir sind es gewohnt Dinge sofort analysieren zu wollen, und sofort den Sinn und Zweck jeder Bewegung zu verstehen. Im Westen denkt man bei Wing Chun schnell an effektive Selbstverteidigung und versucht unter diesem Gesichtspunkt alles zu interpretieren. Viele Elemente dieser Kampfkunst verstehen wir erst im Rückblick Jahre später und man macht im Laufe des eigenen Lernprozesses oft bewusst ein paar Schritte zurück, weil einem mit größerem Übungsfortschritt plötzlich klar wird, warum eine bestimmte Grundübung eigentlich so wichtig gewesen wäre. Selbst wenn man die seltene Möglichkeit hat, von einem authentischen chinesischen Meister zu lernen, kann es sein leicht, dass man aufgrund sprachlicher und kultureller Barrieren dennoch vieles missversteht.

Wie bereits erwähnt, muss im Westen alles der Anforderung einer schnellen effektiven Selbstverteidigung entsprechen. Sich gegen jeden erdenklich Angriff verteidigen zu können und das in nur wenigen Wochen, egal ob der Angreifer ein betrunkener Wirtshausschläger, ein kampferfahrener Thai Boxer oder Free Fighter ist, so lautet die westliche Optimalvorstellung. Alles was mich nicht offensichtlich innerhalb kürzester Zeit zu diesem Ziel führt wird weggelassen oder, um einen traditionellen Schein zu wahren, sinnentleert und halbherzig geübt. Das andere Extrem bilden manche chinesischen Meister, die sagen, dass man die ersten Jahren an Selbstverteidigung nicht einmal zu denken brauche und es aus ihrer Sicht lächerlich ist an das Kämpfen zu denken, wenn man noch nicht einmal richtig stehen kann.

In unserer Schule sind wir sehr stark von der traditionellen chinesischen Unterrichts- und Zugangsweise beeinflusst auch wenn uns bewusst ist, dass wir und unsere SchülerInnen aus einem anderen kulturellen Umfeld kommen und diesen Zugang erst kennenlernen müssen. Wie dieser traditionelle Weg genau aussieht, erklärt sich anhand der Bewegungsformen, die erlernt werden und an deren Prinzipien sich der Unterricht orientiert.

Die Formen:

Wir unterscheiden zwischen Hauptformen, die bestimmte grundlegende Prinzipien vermitteln und Zusatzformen, mit deren Hilfe ein bestimmter Aspekt trainiert wird.

Die Hauptformen

Siu Lim Tao:Der Name dieser Form bedeutet ungefähr „die kleine Idee Form“ und beinhaltet schon einen Großteil aller Wing Chun-Handtechniken. Wenn man diese Form sieht, fällt sofort auf, dass gleich zu Beginn der Form eine bestimmte Standposition eingenommen und bis zum Ende beibehalten wird. Es gibt keinen einzigen Schritt oder Fußtritt, der Stand bleibt die ganze Zeit über unbewegt. Hier lässt sich schon ein ganzes wichtiges Prinzip erkennen. Von Anfang an ist der/die Wing Chun-Praktizierende bemüht, durch das richtige und lange Stehen eine optimale Körperstruktur (und die damit verbundene Kraftübertragung) aufzubauen. Neben diesem stabilen Fundament auf der einen Seite werden die Gelenke, zunächst insbesondere die der Arme (Handgelenke, Ellenbogen, Schulter) locker, beweglich und durchgängig gemacht.

Fast alle traditionellen Kung Fu Stile haben am Beginn ihres Weges das lange intensive Üben des Standes und der Körperstruktur. Im Wing Chun ist es insofern etwas abgemildert, als wir im Rahmen dieser ersten Form nicht nur Stehen üben, sondern gleichzeitig auch schon die richtigen Positionen und Winkel der Armtechniken (gepaart mit dem richtigen Maß an Anspannung und Entspannung) trainieren. Fast alle diese Armpositionen werden durch das grundlegende Prinzip der sogenannten „Zentrallinie“ definiert. Dieses Prinzip hilft dem/der SchülerIn, die perfekte Positionierung seiner/ihrer Arme zu finden.

Bei dieser ersten Form wird davon ausgegangen, dass der Angreifer in unserer Schlagdistanz direkt, zentral vor uns steht, was in gewisser Weise den Optimalfall darstellt. In genau dieser Situation gilt es nun die Grundprinzipien zu verinnerlichen und die Techniken zu perfektionieren. Alle Bewegungen sollen durch unsere aufzubauende Körperstruktur unterstützt werden. Nicht mehr und nicht weniger soll in dieser Stufe trainiert werden. Solange wir nicht einmal stehend diese Struktur aufbauen können bzw. unsere Techniken auf der Zentrallinie richtig einsetzen können, macht es noch keinen Sinn einen Schritt (im wahrsten Sinn des Wortes) weiterzugehen. Hat der/die SchülerIn diese Stufe erreicht, wird es Zeit die Struktur in Bewegung zu bringen.

Chum Kyu: Der Name dieser zweiten Hauptform bedeutet übersetzt so viel wie „die Brücke suchen“. Spricht man in chinesischen Kampfkünsten von „Brücke“ sind meist die Arme gemeint. Bilden doch die Arme der Gegner die im Kampf aufeinanderprallen gewissermaßen die Brücke zwischen beiden Köpern. Alleine aus diesem Namen können wir schon schließen, dass der/die Wing Chun-Lernende beginnt, sich frei zu bewegen und somit auch auf Angriffe aus der Distanz und aus unterschiedlichen Winkeln zu reagieren lernt.

Diese Form ist eine logische Weiterführung der ersten Form, bei der er es ja, wie beschrieben, zunächst darum ging stabil mit dem Gewicht auf beiden Beinen stehend eine gute Körperstruktur aufzubauen. Wie schwierig das ist, wird jedem Lernenden der Siu Lim Tao Form bald bewusst. Wenn es aber schon so schwer ist die richtige Körperstruktur und Kraftübertragung auf beiden Beinen aufzubauen, um wieviel schwieriger ist es, eine einbeinige gute Struktur zu entwickeln. Diese einbeinige Struktur ist aber Grundvoraussetzung für alle Schritt- und Beintechniken, sowie die Körperdrehungen, die durch Verlagerung des Körpergewichts auf ein Bein erfolgen. Schließt der/die Übende diese Stufe ab sollte es theoretisch möglich sich gegen jeden Angriff zu verteidigen.

Bil Chee: Der Name der dritten Hauptform „die durchstoßenden Finger“ verweist einerseits auf die für diese Form typischen Fingerstiche und andererseits steckt hinter dem Bild der – wie bei einem Fingerzeig gestreckten – Finger auch eine gewisse Symbolik. Diese höchste der drei Grundformen lehrt einerseits, aus scheinbar aussichtlosen Situationen wieder herauszufinden und andererseits höchst effektive Angriffstechniken. Auch zu dieser Form muss gesagt werden, dass sie eine sehr logische Weiterführung der ersten beiden Formen darstellt. War die Siu Lim Tao noch komplett statisch, so hat man in der Chum Kyu gelernt den ganzen Körper in Bewegung zu bringen. Allerdings bewegt sich der Körper in der Chum Kyu immer in seiner Gesamtheit, wie aus einem Stück in eine bestimmte Richtung. In der Bil Chee muss es nun gelingen den Körper zu separieren und unterschiedliche Körperpartien mitunter gleichzeitig in verschiedene Richtungen zu verdrehen. Dass dies eine noch größere Herausforderung an die stabile Körperstruktur darstellt, liegt auf der Hand.

Holzpuppe: Die Holzpuppenform wurde lange geheim gehalten und beinhaltet die Essenz der drei Hauptformen. Heutzutage findet man Videos dieser Formen in zahllosen Versionen im Internet. Authentische Wing Chun-Meister würden aber bei den allermeisten dieser Videos sofort erkennen, dass der/die Ausführende die Form nie korrekt gelernt hat. Geht man nur nach dem was man sieht und versucht die Bewegungen einfach nachzuahmen, kommt man selbst als erfahrener Kampfkünstler nie zur Essenz dieser Form, bei der vieles anders ist, als es auf den ersten Blick scheint. Die Holzpuppenform schult enorm die Kraftübertragung, das Gefühl für richtige Distanz und Winkel sowie die richtige Beintechnik. Früher mussten die Schüler bis zu dieser Stufe warten, um erstmals konkrete Kampfanwendungen zu sehen und zu erlernen. Die Formen bis dahin bildeten damals nur das als Voraussetzung absolut notwendige Fundament.

Die Waffenformen Bart Cham Dao (Schmetterlingsmesser) und Lok Dim Bun Kwan (Langstockform): Auch wenn diese Waffen heutzutage ihre praktische Bedeutung eingebüßt haben, stellt das Training dieser Formen nach wie vor ein wichtiges Element des Wing Chun Systems dar. Durch das Eigengewicht der Waffen kräftigt das Training nicht nur den Körper, sondern trägt verstärkt dazu bei, immer den ganzen Körper einzusetzen, um die Arme zu unterstützen. Außerdem spielt beim Kampf mit Waffen das Distanzgefühl und die Schritttechnik, die nun noch vielfältiger wird, eine noch größere Rolle, sodass auch das waffenlose Wing Chun dadurch wieder bereichert wird. Wenn sich zwei Wing Chun Meister treffen, kann angeblich der eine über den anderen – anhand dessen wie dieser sich bewegt – schnell sagen, ob er diese höchsten Wing Chun Formen erlernt hat.

Die Zusatzformen:

Saar Bao Kuen (Lee Shing Linie): Der Name bedeutet übersetzt „Sand Taschen Faust“ und erklärt sich daraus, dass diese kurze Zusatzformen an einem (mehrteiligen) Wandsack geübt werden kann. Diese Form schult vor allem den Einsatz verschiedener Doppelhandtechniken.

Sap Lo Gerk Fat (Lee Shing Linie): Die „16 Kicks Form“ beinhaltet eine Reihe für das Wing Chun mitunter untypischer Kicktechniken. Das Training dieser Form schult Schnelligkeit und Beweglichkeit der Beintechniken.

Siong Kwan Faat (Lee Shing Linie): Die „Doppelkurzstockform“ lehrt den Einsatz zweier Kurzstöcke als Waffe.

Mui Fa Jong (Yip Man Linie): Diese Form nimmt eine Sonderstellung unter den Zusatzformen ein. Während die anderen Zusatzformen zum Training eines bestimmten Aspektes in der jüngeren Vergangenheit dazu entwickelt wurden, so handelt es sich bein Mui Fa Jong um ein sehr altes traditionelles Trainingsgerät, auch wenn diese konkrete Form erst von Meister Donald Mak aus den Bewegungen, die er von seinem Lehrer Großmeister Chow Tze Chun erlernt hatte, zusammengestellt wurde. Man übte früher auf Baumstämmen, die direkt in den Boden eingegraben waren. Die Bewegungen auf dem Mui Fa Jong verlangen eine vielseitigere und flinkere Schritttechnik, die bereits von den Waffenformen inspiriert ist. Die besondere Bedeutung dieses Trainingsgeräts liegt aber darin, ein Defizit der Holzpuppenform auszugleichen. Dadurch, dass die Holzpuppe an die Wand montiert ist, ist der Bewegungsradius auf den Bereich vor der Puppe beschränkt. So ist es freilich nicht möglich sich von der Rückseite anzunähern und durch die Wandaufhängung ist es nicht einmal möglich ganz von der Seite zu kommen. Der Aktionsradius bildet somit nicht einmal 180 Grad. Auf dem Mui Fa Jong arbeitet man bewusst mit allen Richtungen und den vollen 360 Grad. Aus der Tatsache, dass man den Gegner nun auch umrunden und von der Rückseite attackieren kann, ergeben sich ganz neue Bewegungsmuster.

Holzpuppen Kickingform (Yip Man Linie): Diese auf Großmeister Yip Man zurückgehende Form fasst einerseits alle Kicktechniken der bekannten Holzpuppenform zusammen und enthält zusätzlich weitere, sehr schwierig auszuführende Kicks.

Chi Kwan Fat (Lee Shing Linie): Die „klebende Langstockform“ ist eine Partnerform, bei der beide Partner den richtigen Umgang mit den Langstock in der Anwendung erlernen.

Chi Sao

Traditionell besteht das Wing Chun Training aus zwei Bestandteilen: den Formen und Chi Sao. Chi Sao, „die klebenden Hände“, bildet die Brücke zwischen den Formen und den tatsächlichen Kampfanwendungen. In dieser einzigartigen Partnerübung lernt und überprüft man den richtigen Winkel der Techniken und die Kraftübertragung aus der eigenen Körperstruktur. Die Sensibilität wird soweit geschult, dass alle Techniken auch „blind“ ausgeführt werden können. Distanzgefühl, Timing, Druckaufbau, Schritttechnik und viele andere für den wirklichen Kampf unerlässlich Fähigkeiten werden durch das Chi Sao aufgebaut.

Früher unterrichtete ein Meister seinem Schüler nur die Formen und Chi Sao. Danach hatte der Schüler sämtliche Fähigkeiten, die notwendig waren, um alle Techniken auch frei anzuwenden. Heutzutage wird das Wing Chun Training neben diesen beiden zentralen Elementen noch durch eine Vielzahl weitere Partnerübungen, in denen die konkreten Techniken und Anwendungen trainiert werden, ergänzt.

In unserem Zentrum spielt neben dem traditionellen Formen- und Standtraining das Partnertraining eine große Rolle. Unsere Siu Lim Tao-AnfängerInnentrainings sind deshalb in zwei Einheiten unterteilt. Während in der einer Einheit die Partnerübungen im Vordergrund stehen, arbeiten wir in der zweiten Einheit vor allem an der ersten Form und dem Aufbau der Körperstruktur durch das Training des richtigen Standes.

Für die weiter fortgeschrittenen SchülerInnen gibt es längere Trainingsphasen zum selbstständigen Üben, ergänzt durch Einheiten, in denen sie in kleiner Gruppe neue Techniken erlernen.