Unsere drei Meister

Wir haben von drei unterschiedlichen Meistern aus drei unterschiedlichen Wing Chun Richtungen gelernt. Zum genaueren Verständnis wo somit auch die Quellen „unseres Wing Chun“ liegen, hier eine kurze Darstellung:

Das Erbe von Lee Shing

Perry Zmugg

long-zentrum-perry-zmugg-austin-goh-grazMeister Perry Zmugg unterrichtet nicht nur Wing Chun, sondern er ist ein ausgesprochen vielseitiger Kampfkünstler, der in mehreren Stilen hochgraduiert ist (9. Dan/Großmeister in Hap Ki Do, Guro/Meister in Real Arnis, Sifu Süd Shaolin Kung Fu, Black Belt Progressive Kick Boxing etc.). Er hat zahlreiche Medaillen bei internationalen Turnieren gewonnen, ist insgesamt 7facher Weltmeister (Hap Ki Do und philippinische Kampfkünste) und 2facher Guinness Weltrekordhalter. Seit dem Jahr 2000 betreibt er seine eigene Schule in Graz. Im selben Jahr begann Christoph bereits bei Perry zu trainieren und lernte, später meist im Rahmen von Einzelunterricht, bis 2014 bei ihm.

long-zentren-stammbaum-leeshingPerry Zmugg hat Wing Chun nach Großmeister Lee Shing bei Meister Jürg Ziegler in der Schweiz gelernt. Jürg Ziegler’s Meister war der Lee Shing Schüler Austin Goh, von dem Perry Zmugg später auch direkt unterrichtet wurde. Austin Goh lebt seit den 1970er Jahren in Großbritannien, wo er vor allem in den 1980er-Jahren durch einige spektakuläre Fernsehauftritte auch einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde. Sowohl Goh, Ziegler als auch Zmugg waren und sind vor allem für ihre Kampfstärke berühmt. Seit 2010 war Perry Zmugg auch mit Meister Joseph Man (der Ende 2016 überraschend verstorben ist), einem älteren Schüler Lee Shing’s, in Kontakt und tauscht sich nach wie vor regelmäßig mit dessen Schülern Meister Spencer Devine und Barry Lewis aus.

Lee Shing Wing Chun

Obwohl Lee Shing erst 1992 gestorben ist und viele seine Schüler nach wie vor unterrichten, ist er eine rätselhafte Gestalt der Wing Chun Geschichte. Wir haben jahrelang versucht, auch im Rahmen unserer Chinareisen, mehr über seinen genauen Werdegang herauszufinden und bestimmten Hinweisen nachzugehen. Der Erfolg unserer Bemühungen war dürftig und mitunter durchaus widersprüchlich.

Fest steht, dass er bereits 1956 – höchstwahrscheinlich als erster – Wing Chun nach Europa brachte. Da er aber ähnlich wie Yip Man nur Chinesen unterrichtete, blieb seine Bekanntheit auf London China Town beschränkt. Geboren wurde Lee Shing 1922 in China in der Provinz Heshan, der Heimat des Guolo Wing Chun. Mit dieser Wing Chun Richtung hat der junge Kung Fu Begeisterte Lee Shing angeblich schon in sehr frühen Jahren seinen Weg begonnen. Zwar konnten wir vor Ort auch nach fünf Aufenthalten und Gesprächen mit Zeitzeugen keine Beweise dafür finden, doch weisen einige Elemente des Lee Shing Wing Chun unzweifelhaft Guolo-Elemente auf.

Nach dieser Guolo-Phase wird sein Weg noch unklarer. Angeblich zog es ihn später zu Ng Chun So, dem damals bekanntesten Wing Chun Meister seiner Zeit. Ng Chun So war, so wie der berühmte spätere Großmeister Yip Man, einer der 16 Schüler von Großmeister Chan Wah Shun. Yip Man war der jüngste dieser Schüler und Ng Chun So und sein Bruder die beiden ältesten. Noch auf dem Sterbebett soll Chan Wah Shun Ng Chun So den Auftrag gegeben haben Yip Man weiter zu unterrichteten. Ob Lee Shing jemals von Ng Chun So lernte ist unklar. Nachdem Ng Chun So aber bald verstorben ist, mit Sicherheit nicht lange. Generell soll Lee Shing aber auch von anderen Chan Wah Shun Schülern gelernt haben, bevor er, Ende der 1940er/Anfang der 1950er Jahre nach Hongkong kam. Auch wenn es für diese Phase seines Lernens keinerlei Nachweise gibt, so legt die Vielseitigkeit und Art und Weise seines Wing Chun nahe, dass er neben Guolo und später Yip Man noch weitere Quellen gehabt haben muss.

In Hongkong lernte er Lok Yiu und andere Schüler von Großmeister Yip Man kennen, die ihn später auch Yip Man vorstellten. Tatsache ist, dass Lee Shing nun – tief beeindruckt von dem alten Meister – begonnen hat von Yip Man zu lernen. Über die Frage wieviel und wie lange Lee Shing bei Yip Man gelernt hat, gehen die Meinungen auseinander.

Auf den ersten Blick legt dieser nicht mehr nachvollziehbare und nicht beweisbare Weg Lee Shing’s die Vermutung nahe, dass vieles frei erfunden oder maßlos übertrieben ist. Ein Phänomen, dem man in der Kampfkunstwelt nur allzu oft begegnet, behauptet man doch gerne angeblich von bestimmten berühmten Meister gelernt zu haben. Sieht man sich aber das Wing Chun der vielen Meisterschüler an, die Lee Shing hervorgebracht hat – Joseph Cheng, Joseph Man, Austin Goh, Joseph Lee (um nur einige zu nennen) – ergibt sich ein ganz anderes Bild. Neben der Tatsache, dass diese Meister ein hohes Niveau erreicht haben, muss man auch feststellen, dass sie alle, offenbar der jeweiligen Persönlichkeit und deren Voraussetzungen entsprechend, sehr unterschiedlich unterrichtet wurden und sich somit unterschiedlich spezialisiert haben. So gesehen muss man davon ausgehen, dass Lee Shing über ein enorm breitgefächertes und vielseitiges Wing Chun Wissen verfügt hat, das möglicherweise tatsächlich dadurch erklärt werden kann, dass er von so vielen Meistern seiner Zeit gelernt hatte.

Leider ist es heute durch die großen Unterschiede im Wing Chun seiner Schüler und mangelnder überlieferter Erklärungen kaum möglich von einem „Lee Shing Wing Chun“ zu sprechen bzw. zu sagen wie dieses genau ausgesehen hat bzw. strukturiert war. Auch wir haben als SchülerInnen damals eine Fülle an Techniken und Anwendungen erlernt, dennoch blieb der Aufbau des Systems und viele Prinzipien immer etwas unklar und es stellt sich intuitiv das Gefühl ein, dass uns bestimmte Antworten und Erklärungen abgingen. Um diese zu suchen, war es 2010 bei unser ersten von vielen Chinareisen unser Wunsch, mit authentischen Meistern der Guolo und Yip Man Linie, den beiden Linien die Lee Shing wohl am meisten beeinflusst haben in Kontakt zu kommen. Das wir wenig später von Meistern dieser beiden Richtungen (siehe unten) als PrivatschülerInnen akzeptiert werden würden und sich unser Sichtweise auf Wing Chun nachhaltig verändern sollte, konnten wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnen.

Die Stammlinie von Yip Man

Donald Mak

long-zentrum-donald-makMeister Donald Mak wollte Ende der 70er Jahre in seiner Heimat Hongkong unbedingt Wing Chun erlernen. Obwohl er direkt in der Wing Chun Metropole schlechthin wohnte, war es gar nicht so leicht einen geeigneten Lehrer zu finden. Viele Wing Chun Meister zu dieser Zeit konnten sich finanziell nur schwer über Wasser halten und so gab es gar nicht wenige, die durchaus in zwielichtige Machenschaften wie Schutzgelderpressungen und dergleichen verwickelt waren. Dem jungen Donald Mak war diese Vorstellung aber zuwider und auch seine Eltern hätten nicht gerne gesehen, dass er sich in solche Kreise begibt. Da er aber unbedingt Wing Chun erlernen wollte suchte er nach einer Schule, in der diese Praxis nicht vorherrschte. Bei Meister Chow Tze Chuen (✝ 2017), einem langjährigen Schüler Yip Mans und hauptberuflichen Busfahrer der Hong Konger Verkehrsbetriebe wurde er schließlich fündig und begann 1979 sein Training. Die nächsten 14 Jahre sollte Donald Mak von Montag bis Freitag so gut wie täglich mehrere Stunden bei seinem Meister verbringen. Bald gehörten auch seine Wochenende ganz seiner Wing Chun Leidenschaft und so besuchte er fast jede Woche Wing Chun Schulen und Meister in Hongkong und China. Er lernte auf diesem Weg noch fast alle der großen Yip Man Schüler kennen, von denen viele mittlerweile verstorben sind. Es gibt wohl kaum eine Wing Chun Schule, die Donald Mak nicht besucht und mit deren Meistern er sich nicht ausgetauscht hätte. Auch wenn er nur eine Hand voll Privatschüler direkt unterrichtet (Christoph & Angelika gehören zu den Glücklichen) so gehen heute doch weit über 100 Schulen weltweit auf Donald Mak und dessen Schüler zurück.

long-zentrum-chowtze1Großmeister Chow Tze Chun kam bereits 1955 zu Yip Man. Zwei Jahre später übersiedelte Yip Man aufgrund der schwierigen finanziellen Lage seine Schule in einen anderen Stadtteil Hong Kongs. Die neue Schule war winzig und befand sich in einem der ärmsten und schmutzigsten Vierteln der Stadt. Im Sommer war es unaushaltbar heiß und sanitäre Einrichtungen fehlten völlig. Deshalb fand sich nur eine kleine Hand von Schülern, die auch nach dem Umzug Meister Yip Man treu blieben, dort ein. Chow Tze Chun kam auch die nächsten 5 Jahre täglich zum Training und lernte in dieser Zeit das gesamte System von Yip Man. Außerdem organisierte er, um seinen Meister auch finanziell zu helfen, ganze Trainingsklassen mit Busfahrerkollegen.

Nach einiger Zeit war es dann schließlich seine Aufgabe Meister Yip Man beim Unterrichten der Anfänger zu unterstützen. Da es weder in der Schule noch in Chow Tze Chuns Wohnung Platz gab platzierte er eine Holzpuppe auf einer Terrasse. Der Boden der Terrasse war komplett mit Moos bedeckt und so wurde sie bei jedem Regen extrem rutschig. Dies änderte aber nichts daran, dass Chow Tze Chun jeden Tag nach der Arbeit an seiner Holzpuppe trainierte. Mit der Zeit war er glücklich über den rutschigen Boden, da er dadurch seine Schrittarbeit auch unter erschwerten Bedingungen perfektionieren konnte.

long-zentrum-stammbaum-mak1961 plante Yip Man, nachdem es nun schon besser lief wieder eine Übersiedelung seiner Schule. Bevor es aber zur Übersiedelung kam ermutigte er Chow Tze Chun dieses Mal die Übersiedelung nicht mitzumachen, sondern eine eigene Schule zu eröffnen. Als Geschenk für die neue Schule brachte er eine selbst entworfene Holzpuppe mit. Auch in den nächsten Jahren, als Chow Tze Chun schon längst selbst unterrichtete, bekam er häufig Besuch von Meister Yip Man und lernte von diesem weiter. Yip Man insistierte immer wieder darauf, dass Chow Tze Chun, der, so wie Yip man selbst, sehr klein und leicht war, vor allem seine Beintechnik trainierte. So lehrte er ihn in dieser Zeit noch eine eigene zusätzliche Kicking Form an der Holzpuppe, die er sonst nie unterrichtet hatte. Nach Yip Man’s Tod begannen viele seiner Schüler Schulen zu eröffnen und zu unterrichten. Chow Tze Chun ist aber einer der ganz wenigen Meister, die von Yip Man ausdrücklich dazu aufgefordert worden waren, eine eigene Schule zu eröffnen und zu unterrichten und er ist ebenfalls einer der ganz wenigen, die von Yip Man das gesamte Wing Chun-System erlernt hatten. Chow Tze Chun, mittlerweile 91, war überhaupt der erste, der von Yip Man in Hongkong die Bart Cham Dao („Schmetterlingsmesserform“), die höchste Wing Chun Form, erlernte.

Yip Man Wing Chun

Wenn man im Westen auf eine Wing Chun-Schule stößt, so geht diese mit 99%iger Wahrscheinlichkeit in irgendeiner Form auf Großmeister Yip Man zurück, auch wenn die Zahl der wirklich authentischen Schulen verschwindend gering ist. Es ist keine Frage, dass ohne Yip Man und dessen Schüler sich Wing Chun nie über die Welt verbreitet hätte. Wäre nicht Yip Man 1949 nach Hong Kong gekommen und hätte er nicht nach und nach immer mehr Schüler angezogen, die in weiterer Folge ihrerseits Wing Chun weiter verbreitet haben, wäre es nach wie vor im Westen vollkommen unbekannt.

Die Tatsache, dass Bruce Lee, der Mann, der Kung Fu durch seine Filme im Westen überhaupt erst bekannt gemacht hat, zu diesen Schülern gezählt hat, hat freilich die Verbreitung des Stils gefördert. Seit Ende der 1970er Jahre erlangte Wing Chun im Westen als effektives Selbstverteidigungssystem große Bekanntheit. Auch wenn die Entwicklung vor allem in Europa eine gewisse Eigendynamik bekam, die den Selbstverteidigungsaspekt stark in den Vordergrund stellte und sich von der traditionellen Zugangsweise immer mehr entfernte. Ab dieser Zeit hat sich Wing Chun nach und nach in der Welt verbreitet, sodass die Zahl der Wing Chun-Praktizierenden weltweit heute unzweifelhaft in die Millionen geht. Die Filme der letzten Jahre haben das ihre dazu beigetragen, die Bekanntheit von Wing Chun weiter stark zu erhöhen. Und wieder war es Yip Man, der im Mittelpunkt all dieser Filme stand.

Aber was macht Yip Man’s Wing Chun so speziell, dass gerade dieser Stil sich so verbreitete? In der Geschichte gab es viele große Kung Fu Meister, die es aber trotzdem nicht geschafft haben ihren Stil erfolgreich weiter zu vermitteln. Oft ist es nicht (nur) entscheidend wie gut ein Meister selbst ist, sondern inwieweit er sein Wissen erfolgreich an seine Schüler vermitteln kann. Auch dann stellt sich die Frage, ob ein Meister nur gute ein oder zwei Schüler, die viele Jahre mit ihm verbracht haben, hervorbringt, oder ob es ihm gelingt eine Vielzahl guter Schüler hervorzubringen. Genau das hat Yip Man geschafft, was insofern bemerkenswert ist, da Wing Chun bis dahin immer nur in sehr kleinem Rahmen unterrichtet wurde und früher immer 1:1 Training zwischen Meister und Schüler verlangt hat. Yip Man’s großer Verdienst war, Wing Chun klar zur strukturieren und daraus ein gut aufgebautes System zu machen. Offenbar gelang es ihm zu erkennen, auf welche wesentlichen Punkte der Schüler/die Schülerin sich konzentrieren müsse um ein gutes Niveau zu erreichen. Der Aufbau dieses Systems funktioniert ausgezeichnet und stellt sicher, dass man Wing Chun in einem überschaubaren Zeitraum zumindest bis zu einem gewissen Grad gut erlernen kann. Diese Leistung zeugt von einem unglaublich tiefen Verständnis für diese Kampfkunst und verdient höchsten Respekt. Doch wie alles auf der Welt bringt jeder Vorteil auch gewisse Nachteile mit sich.

Ein solcher Nachteil besteht sicher darin, dass immer dann, wenn man etwas strukturiert und ordnet, gewisse Dinge auf der Strecke bleiben. Es ist zwar gelungen, ein System zu schaffen in dem ein guter Teil der Kampfkunst Wing Chun erlernt werden kann, dennoch enthält dieser nun weit verbreitete Aufbau (die drei Faustformen: Siu Lim Tao, Cham Kyu und Bil Chee, die Holzpuppenform, die Langstockform, die Schmetterlingsmesserform) mit Sicherheit nicht Yip Man’s gesamtes Wing Chun Wissen. Es gibt sogar die Theorie, dass dieser Aufbau von Yip Man zunächst nur als Einstieg gedacht war, aber kaum jemand jemals über die Einstiegsphase hinaus gekommen ist. Außerdem enthält der Aufbau auch das Risiko, leicht missverstanden zu werden. Vor allem dann wenn man aus einer anderen Kultur stammt und nicht das ganze System von einem authentischen Meister erlernt hat. Dazu muss allerdings erwähnt werden, dass Yip Man selbst immer nur Chinesen unterrichtete, wodurch diese kulturelle Barriere zu seiner Zeit nicht bestand. Wenn die innere Bedeutung der Bewegungsformen nicht erkannt wird, werden diese zwar weitgehend sinnentleert geübt, vieles aber wird mangels tieferen Verständnisses nach eigenen Vorstellungen interpretiert, was oft wohl nur noch wenig mit Yip Man’s ursprünglicher Intention zu hat.

Die Tradition aus Guolo

Lu Jiangquan

long-zentrum-lu-jiangquan-fung-chunLu Jiangquan, der in seiner Heimat Heshan in Südchina, der Heimat des Guolo Wing Chun, als Polizist gearbeitet hat, war seit Kindheit Kung Fu begeistert. Als bereits erwachsener Mann lernte er den damals schon 80jährigen Guolo Wing Chun-Großmeister Fung Chun kennen. Lu Jiangquan und Fung Chun verband ein gemeinsames, bei uns unbekanntes Hobby: Kampfvögel. Viele Chinesen gehen mit ihren Vogelkäfigen in den Park, aber nicht nur um ihren Haustieren mehr Luft und Sonne zu gönnen, sondern um diese mitunter miteinander kämpfen zu lassen und sie dann wieder gesund zu pflegen. Als Lu Jiangquan erfuhr, um wen es sich bei dem alten Mann handelte, bat er um die Aufnahme als Schüler. Der alte Meister lehnte ab. Lu Jiangquan fragte weiter und zwar jeden Tag, bis sich nach 9 Monaten Großmeister Fung Chun doch noch dazu entschied ihn als seinen letzten Schüler anzunehmen. Fung Chun hat Zeit seines Lebens viele Schüler unterrichtet und einige im Westen zwar unbekannte, in China und Hongkong aber mitunter für ihre Kampffähigkeit berühmte und berüchtigte Meister hervorgebracht. Der letzte Schüler eines Meisters zu sein hat in Guolo eine besondere Tradition.

long-zentrum-stammbaum-guoloWong Wah Saam war der letzte Schüler des legendären Goßmeisters Leung Jan, was gleichzeitig die Geburtsstunde des Guolo Wing Chun bedeutete (dazu später mehr). Wong Wah Saam wurde sehr alt und unterrichtete fast 60 Jahre lang. Sein letzter Schüler war Fung Chun, den wir 2010 als 90Jährigen noch kennenlernen durften. Meister Lu Jiangquan wurde somit der letzte Schüler von Fung Chun, auch wenn er von Fung Chun’s Sohn Meister Fung Kuen ebenfalls unterrichtet wurde. Seine besondere Rolle in dieser Guolo Tradition wurde immer auch mehrere Male streitig gemacht, wobei er sich mit seinem Wing Chun in diesen Auseinandersetzungen jeweils erfolgreich durchsetzen konnte.

Wie traditionell Meister Lu noch denkt haben wir vor einigen Jahren erleben dürfen, als wir einen Punkt erreicht hatten, an dem es für ihn nicht möglich war uns noch mehr zu zeigen, obwohl er das offenbar eigentlich wollte. Nachdem wir dann mit einer Zeremonie in die Kung Fu Familie aufgenommen worden waren, gab es plötzlich kein Problem und keine Geheimnisse mehr – wir gehörten ja jetzt zur Familie.

Guolo Wing Chun

Der legendäre Großmeister Leung Jan, auf den fast alle heute bekannten Wing Chun Schulen zurückgehen und der als „König des Wing Chun“ zeitlebens unbesiegt geblieben war, stammt aus dem kleinen Fischerdorf Guolo. Die meiste Zeit seines Lebens verbrachte er aber als Kräuterarzt in der nahe gelegenen Stadt Foshan, wo er unter anderem den späteren Lehrer Yip Man’s, Meister Chan Wah Shun unterrichtete. Im Alter von etwa 70 kehrte er in sein Heimatdorf zurück und übernahm dort als alter berühmter Meister die ehrenvolle Aufgabe, die Dorfjugend zu unterrichten. Einer seiner Schüler war der junge Wong Wah Saam, zwar hochmotiviert und talentiert, aber kleingewachsen und mit kaum mehr als 40 Kilo Gewicht. Leung Jan musste mit ansehen, dass dieser talentierte Schüler aufgrund seiner großen körperlichen Unterlegenheit oft das Nachsehen gegen seine Trainingspartner hatte. Eines Tages beobachte Leung Jan, wie Wong Wah Saam mit bloßen Fäusten auf einen dicken Baumstamm einschlug. Auf die Frage was das solle, erklärte Wong Wah Saam, er wolle seine Fäuste abhärten, um gegen Stärkere bestehen zu können. Dies war der Moment, in dem Leung Jan beschloss diesen Schüler anders zu unterrichten, als alle anderen bisher. Er lehrte nun eine besonders weiche Ausprägung, die spätere als Guolo Wing Chun bekannt wurde. Leung Jan selbst hat von zwei unterschiedlichen Lehrern, beide Mitglieder der legendären „roten Dschunke“ (einem Schiff fahrender Operndarsteller, das vielen politisch verfolgten Kung Fu Meistern als Versteck diente), gelernt. Einer seiner Lehrer hieß Wong Wah Boh und galt als besonders stark und als guter Kämpfer. (Angeblich ein Verwandter vom jungen Wong Wah Saam – ein Grund mehr warum sich Leung Jan Jahrzehnte später besonders um den jungen Mann bemühte). Der zweite hieß Leung Yee Tai und spielte bei den Opernvorführungen immer die Frauenrollen.

Der Legende nach wurden die Frauendarsteller im Wing Chun von der Gründerin Yim Wing Chun direkt unterrichtet, während die Männer von Wing Chun’s Mann Leung Bok Chow unterrichtet wurden. Es wird erzählt, dass Leung Yee Tai eine besondere weiche, dem ursprünglichen Frauenstil entsprechende Form unterrichtet hatte, auf die sich Leung Jan nur wieder besann. Tatsächlich sollten diese Geschichten aber nicht überbewertet werden, da man es in China mit der Unterscheidung von Legenden und historischen Tatsachen generell nicht so genau nimmt.

Feststellen kann man aber, dass der Aufbau des Guolo Systems gänzlich anders funktioniert als der bekannte Wing Chun-Aufbau nach Großmeister Yip Man (3 Hauptformen, Holzpuppe, Langstock, Schmetterlingsmesser). Im Guolo Wing Chun leiten sich alle Techniken von 12 Bewegungen, der Sap Yee Lo ab. Diese 12 Bewegungen enthalten gewissermaßen Prinzipien aus allen drei der sonstigen bekannten Formen (Siu Lim Tao, Cham Kyu, Bil Chee). Im Guolo Wing Chun wird stets passiv und abwartend agiert und die Kraft des Gegners ins Leere geleitet. Dazu ist es nötig in besonders naher Distanz zum Angreifer zu agieren. Die Kunst dieses weichen Wing Chun Stils ist aus mehreren Gründen besonders schwer zu erlernen. Wenn man „weich“ und weitgehend ohne Krafteinsatz agieren möchte, muss die eigene Körperstruktur ausgezeichnet sein, die Technik hervorragend und die Muskulatur muss entspannt sein und alle Gelenke müssen besonders beweglich und durchgängig sein (was nur nach Jahren des Trainings erreicht werden kann).

long-zentrum-angelika-christoph-weingessel-linner-fung-chun-guoloHinzu kommt, das Guolo Wing Chun im Gegensatz zu Yip Man’s Stil nach wie vor ziemlich unstrukturiert ist und nicht auf den Unterricht in größeren Gruppen ausgelegt ist. Unserer Erfahrung nach ist es, sofern man nicht schon viel Wing Chun Erfahrung mitbringt, fast unmöglich diesen Stil richtig zu erlernen, wenn man nicht über viele Jahre täglich mehrere Stunden mit dem Meister verbringt. Wenn man bereits Wing Chun Erfahrung mitbringt, muss man sehr offen für Neues sein, will man sich dem Guolo (auch Pin San = seitliches Körper) Wing Chun annähern. Allzu leicht ist man dazu verleitet über die bekannt aussehenden Techniken bereits vertraute Konzepte zu stülpen, die oft zu einer völligen Fehlinterpretation und Verfälschung führen. Trotz dieser Schwierigkeiten ist dieser Stil, wenn man Wing Chun umfassend erlernen möchte von besonderem Interesse. Viele Meister anderer Wing Chun Richtungen zollen dem Guolo Wing Chun höchstens Respekt (auch wenn sie ebenfalls die schwere Erlernbarkeit erkennen) und es gibt die Theorie, dass diese Techniken eigentlich ursprünglich das Ende des Wing Chun-Systems gebildet haben (also erst nach den bekannten Formen gelehrt wurden) und somit gleichzeitig den fehlenden Teil der meisten Wing Chun Linien darstellen.

Vor diesem Hintergrund haben wir uns dazu entschlossen, in unserem Zentrum Guolo Wing Chun an unsere fortgeschrittenen SchülerInnen als wichtige Ergänzung und Vertiefung zu unterrichten.