Wing Chun

Bis vor wenigen Jahrzehnten war Wing Chun, von ein paar wenigen Orten in Südchina abgesehen, gänzlich unbekannt. Ab den 1950er Jahren erlangte es durch Großmeister Yip Man und dessen Schülern, allen voran dem Filmstar Bruce Lee, zunächst in Hongkong und später weltweit immer größere Bekanntheit. Heute wird diese faszinierende Kampfkunst – die der Legende nach von einer Shaolin Nonne entwickelt und dem jungen Mädchen Yim Wing Chun gelehrt wurde – weltweit von Millionen Menschen praktiziert.

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Im Westen verbreitete sich Wing Chun vor allem als effektives Selbstverteidigungssystem, mit dem selbst auf engstem Raum die Verteidigung gegen körperlich überlegene Gegner möglich ist. Da es sich bei Wing Chun aber um einen Jahrhunderte alten, ganzheitlichen Kung Fu Stil handelt, stellt der Selbstverteidigungsaspekt im traditionellen Wing Chun, wie es in China von authentischen Meistern noch heute gelehrt wird, nur einen von vielen Gesichtspunkten dar. Der Fokus liegt viel mehr auf der umfassenden Schulung des eigenen Körpers. Durch Training des korrekten Standes, dem Aufbau der richtigen Körperstruktur, Verbesserung der Koordination und dem richtigen Maß zwischen Körperspannung auf der einen Seite sowie körperlicher und geistiger Entspannung auf der anderen Seite, wird erlernt, den eigenen Körper so optimal wie möglich einzusetzen.

Der Aufbau des Wing Chun Systems ist beeindruckend logisch strukturiert. Gerade deswegen läuft man leicht Gefahr, zu früh zu glauben, diese Kampfkunst zu verstehen und zu durchschauen. Es wird gerne übersehen, dass bei aller Logik Wing Chun unglaublich vielschichtig ist und vieles auf den ersten Blick nicht das ist, was es zu sein scheint bzw. die Bedeutung einer bestimmen Übung oft erst sehr viel später erkannt wird. Der traditionelle Aufbau einer chinesischen Kampfkunst ist gänzlich anders als wir Europäer es erwarten würden. Wir sind es gewohnt Dinge sofort analysieren zu wollen, und sofort den Sinn und Zweck jeder Bewegung zu verstehen. Da man im Westen bei Wing Chun schnell an Selbstverteidigung denkt, versucht man alles unter diesem Gesichtspunkt zu interpretieren. Sich gegen jeden erdenklich Angriff verteidigen zu können und das in nur wenigen Wochen, egal ob der Angreifer ein betrunkener Wirtshausschläger, ein kampferfahrener Thai Boxer oder Free Fighter ist, so lautet die westliche Optimalvorstellung. Alles was mich nicht offensichtlich innerhalb kürzester Zeit zu diesem Ziel führt wird weggelassen oder, um einen traditionellen Schein zu wahren, sinnentleert und halbherzig geübt. Das andere Extrem bilden manche chinesischen Meister, die sagen, dass man die ersten Jahren an Selbstverteidigung nicht einmal zu denken brauche und es aus ihrer Sicht lächerlich ist an das Kämpfen zu denken, wenn man noch nicht einmal richtig stehen kann.

Viele Elemente dieser Kampfkunst verstehen wir erst im Rückblick Jahre später und man macht im Laufe des eigenen Lernprozesses oft bewusst ein paar Schritte zurück, weil einem mit größerem Übungsfortschritt plötzlich klar wird, warum eine bestimmte Grundübung eigentlich so wichtig gewesen wäre. Selbst wenn man die seltene Möglichkeit hat, von einem authentischen chinesischen Meister zu lernen, kann es sein leicht, dass man aufgrund sprachlicher und kultureller Barrieren dennoch vieles missversteht.